Wien und seine Nachbarn - Stadtrat Dr. Peter Marboe, Wien

Enquete des Club of Vienna
am 30.Jänner 2003

Zusammenfassung des Impulsreferat im
Arbeitskreis Kultur Bildung Wissenschaft
von
Stadtrat Peter Marboe


1. Die urbane Kulturverantwortung
80% der Bürgerinnen und Bürger Europas leben in Städten. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Notwenigkeit, auch die urbane Kulturverantwortung im Zusammenhang mit dem Erweiterungsprozess neu zu definieren. Es obliegt in erster Linie den Städten und urbanen Ballungsräumen dazu beizutragen, dass Europa nicht als Mosaik der nationalen Kulturen verstanden wird, sondern als ein kulturgeschichtlich verflochtener Raum. Mit „Einheitskultur“ oder kulturellem „Einheitsbrei“ hat das überhaupt nichts zu tun, da die kulturelle Vielfalt ein Wesensmerkmal der europäischen Kultur war und auch in Zukunft sein wird. Um das Bewusstsein für die kulturpolitischen Zusammenhänge zu stärken, muss auch künftighin jede Initiative zur Kooperation von europäischen Kulturschaffenden als wünschenswerter Beitrag zur größtmöglichen Akzeptanz des europäischen Integrationsgedankens verstanden werden.

2. Kultur als klar definiertes europäisches Integrationsziel
Seit dem Vertrag von Maastricht* ist die „Entfaltung der Kulturen der Mitgliedsstaaten unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowie gleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes“ ein erklärtes Integrationsziel der EU. Erstmals wurde damit im Jahr 1992 mit dem Artikel 128 (heute 151) des konsolidierten Vertrages über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft eine „Kulturverträglichkeitsklausel„ ausdrücklich benannt. Dieser Schritt begründet eine neue Dimension der kulturellen Mitverantwortung im gemeinsamen Europa.

3. Öffnung der Kulturpolitik zu den neuen EU-Mitgliedsländern
Die Europäische Union richtet sich in ihrer Gesetzgebung zwar in erster Linie an die Mitgliedsstaaten, es besteht aber zweifellos auch eine besondere Verantwortung der urbanen Räume zur Mitwirkung. Daher ist es kein Zufall, dass die Stadt Wien unter Federführung des damaligen Kulturstadtrates Peter Marboe im Jahr der EU-Präsidentschaft Österreichs, 1998, erstmals die Kulturverantwortlichen der europäischen Städte (insbesondere auch der mittel- und osteuropäischen Länder) eingeladen hat, um über die Gemeinsamkeiten der urbanen Kulturverantwortung in Europa zu diskutieren.

4. Der Euro als „Kulturereignis“ und die Idee vom „hyphenated“ European
Nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht ist die Gemeinschaftswährung Euro als „bares“, greifbares Symbol ein Meilenstein in der europäischen Geschichte. Auch für die kulturelle Annäherung setzt er neue Maßstäbe. Denn unsere Kultur findet nicht nur in Theatern, Konzerten und Ausstellungen statt, nein, auch das Bezahlen ist Teil unserer (Alltags-)Kultur. Mit dem Euro entwickeln viele -und hoffentlich bald noch mehr- Bürger Europas auch ein kulturelles Zusammengehörigkeitsgefühl. Das hat große integrative Relevanz.

5. Pionierrolle Österreichs im Kulturaustausch
Der Schritt hin zu einem verstärkten Austausch der europäischen Städte im Bereich der kulturellen Zusammenarbeit hat in Österreich schon eine lange, erfreuliche Tradition. So war es der damalige Bundeskanzler Josef Klaus der in seiner Rede vor dem Europarat 1966 erstmals den Satz „civis europaeus sum“ prägte und damit ein klares Bekenntnis zur geistige Integration Europas ablegte. Er bewies dies aber auch schon früher bei einem offiziellen Staatsbesuch in der Sowjetunion als er im Gästebuch der Kiewer Sophienkathedrale vermerkte „Introite, nam et hic Europa est“, um von Beginn an die gesamteuropäische Dimension der europäischen Annäherung und späteren Vereinigung in Erinnerung zu rufen.