Wien und seine Nachbarn - Dr. István Tamás, Budapest

„Der Weg Ungarns in die Europäische Union”
Wien, 30. 01. 2003


Die Erweiterung der Europäischen Union mit zehn neuen Mitgliedern steht also unmittelbar bevor. Je näher aber dieses Datum rückt, desto mehr Fragen werden gestellt.

Was kommt damit im einzelnen auf uns zu? Wird unsere Wirtschaft dem Konkurrenzdruck aus Ländern mit einem wesentlich höheren Lohnniveau standhalten? Und wie wird sich die Situation auf den Arbeitsmärkten entwickeln? Wird unser Immobilienmarkt wieder in die Höhe getrieben? Und die Agrarwirtschaft? Und was ist mit unserer Identität? Was ist mit unserer Sprache? Wird es so etwas wie eine europäische kulturelle Identität geben?

Jean Monet (der Verfechter des europäischen Integrationsgedankens) soll einmal gesagt haben: Wenn er mit dem europäischen Einigungswerk noch einmal beginnen sollte, würde er bei der Kultur beginnen. Gemeint war bei Monet, dass die Vielfalt der Kulturen, der Wertorientierungen und geistiger Zugehörigkeitsmuster anerkannt werden sollen und als Motor des politischen Zusammenwachsens in einem vielfältigen Europa fruchtbar gemacht werden müssten. Europa ist nicht nur Markt und kann nicht nur Politik sein. Ohne Kultur und Wertfragen verkümmern auch die politischen Impulse und die Möglichkeiten des Marktes.
Meine Damen und Herren!

Die Vielfalt bereichert. Und die - historisch gesehen - voneinander abweichenden Regionen können gerade durch ihre frei übernommene und herausgestaltete freiwillige Assoziation ihre Vorteile und ihre positivsten Eigenschaften aus sich hervorbringen. Ein mit Stolz übernommenes Identitätsbewusstsein, die Überlieferung auf der einen Seite, das Übernehmen der Gemeinschaft und die Offenheit für das Neue auf der anderen Seite. Diese beiden Faktoren zusammen schaffen die Möglichkeit des Voranschreitens und der Entwicklung im modernen Sinne. Unsere Hoffnungen und Absichten sind, nicht nur etwas von der Europäischen Union zu erhalten, sondern wir wollen ihr auch etwas geben. Wir bringen unsere besondere mitteleuropäische Erfahrung, unser angeeignetes Wissen, unsere wissenschaftlichen Erfolge und unsere durch ihre Originalität bekannte innovative Denkweise mit ein. Wir bringen auch unsere spezifisch klingende Sprache, unsere Kultur und unsere Nobel-Preisträger mit ein.