Vortragsreihe von Frau Mag. Elfriede M. Bonet

"Die Evolution und wir." 

Mag. Elfriede M. Bonet referiert an 5 Terminen zu: 

Teil I: Die Evolutionstheorie – das Bild der Welt. 

Do, 29.1.2009: Natur und Kultur. 
Do, 12.2.2009: Systemtheorie der Evolution. 
Do, 26.2.2009: Die Spaltung des Weltbildes. 

Teil II: Die evolutionäre Erkenntnistheorie – das Bild des Menschen. 

Do, 12.3.2009: Das Skandalon – warum die Rezeption so problematisch ist. 
Do, 26.3.2009: Der Regelkreis als Real-Norm. Ein Modell. 

Ort: jeweils in den Räumen des Club of Vienna, 1040 Wien, Rilkeplatz 2/4. 
Beginn: jeweils um 18h 

Aus organisatorischen Gründen ersuchen wir um baldige Anmeldung unter sekretariat@clubofvienna.org. 

Die Vortragende: Mag.phil. Elfriede Maria Bonet. 

Studien in Philosophie, Biologie und Wissenschaftstheorie (u.a. bei Sir Karl Popper) 
Mitglied des ‚Altenberger Kreises’ um Konrad Lorenz, 
langjährige Mitarbeiterin von Rupert Riedl, 
Gründungsmitglied des Club of Vienna. 
Vorlesungstätigkeit an der Universität Wien (Medizin) und der Akademie für Ganzheitsmedizin. 
Zahlreiche Publikationen, u.a. in ‚Die Ursachen des Wachstums’. 
Mit-Herausgeberin der ‚Wiener Studien zur Wissenschaftstheorie’. 


Kurzfassungen zu den Vorträgen: 

Vortrag 29.1.2009: "Natur und Kultur" 

Das ‚Bild’, das wir uns von der Welt machen, ist die Grundlage unseres Handelns. Was uns zum Handeln bewegt, sind Probleme, die einer Lösung bedürfen. Derzeit geht es vor allem darum, Bereiche dieser Welt vor allzu massiven Eingriffen des Menschen zu schützen bzw. bereits dadurch aufgetretene Schäden zumindest zu begrenzen. 

Die Frage, der zunächst nachgegangen werden soll, lautet: Wieso muss ‚die Natur’ vor uns geschützt werden? Die Antwort hierzu lautet: Weil wir sie in einer Weise konnotiert haben, die uns zu diesen Eingriffen nicht nur berechtigt, sondern sogar aufgefordert und gezwungen hat. Woraus sich die Konsequenz ergibt, diese Konnotate genauer zu untersuchen. Das Studium der Geistesgeschichte gibt hierüber Aufschluss. 

Als Erstes stellt sich heraus, dass ‚die Natur’ ein Konstrukt ist, das nicht per se formuliert wurde, sondern jeweils in Zusammenhang mit und in Abhängigkeit davon, was jeweils unter ‚Kultur’ zu verstehen war. Umgekehrt trifft das ebenso zu: Wir haben es also mit einer Relation zu tun (1). 

Aufschluss über den Werdegang dieser Relation gibt das Studium der Geistesgeschichte. Dabei stellt sich heraus, dass die Relation Natur-Kultur in verschiedenen Epochen unterschiedlich gedacht wurde. Und nicht nur das. Stellt man sich die Natur-Kultur-Relation auf einer Achse vor, dann zeigt sich, dass die beiden Begriffe bzw. ihre Konnotate immer weiter auseinanderdriften. Es beginnt mit der Vorstellung einer ‚Natur’, die ‚Partner’ ist, die dann zum ‚Vorbild’ wird, zum Symbol, zum ‚Mittel’ – um schließlich zum Gegensatz zu mutieren. Letztlich wird das ‚naturhafte’ Sein dem ‚sozialen’ Sein gegenübergestellt und dadurch abgewertet 

Der Mensch sieht sich als ‚der Natur’ überlegen an und berechtigt, sie zu ‚überlisten’, zu beherrschen und zu besiegen. 

Diese Auffassung ist (auch) heute noch weitgehend Antrieb für Ökonomie und Wissenschaft und führt, neben den erwünschten, auch zu den unerwünschten Wirkungen. 

(1) E. M. Bonet: Auf der Suche nach dem Humanum – Die kulturgeschichtlichen Ursachen des Wachstums. In: Rupert Riedl/Manuela Delpos (Hrsg.): Die Ursachen des Wachstums. Unsere Chancen zur Umkehr. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien, 1996, S. 108 – 126. 



Vortrag 12.2.2009: "Systemtheorie der Evolution" 

Die Relation Natur-Kultur ist nicht nur ein Verhältnis von Begriffen, sondern Ausdruck bestimmter Bewusstseinslagen des Menschen. Mögen uns manche davon auch als nicht mehr relevant erscheinen, wird bei näherer Betrachtung klar, dass diese Konzepte keineswegs ‚ausgestorben’ sind, sondern als ‚lebende Fossilien’ durchaus ihre Relevanz bezeugen. Sie nicht nur zu belächeln oder als Horror- und Gruselvisionen zu verwenden, lassen sich daraus die Grundkategorien menschlichen Denkens erschließen. Soweit der Einblick in die Geschichte reicht, sind folgende drei auszumachen (1): 

1. Verwandlung: Diese Art, Welt zu denken, liegt dem ‚magischen’ Denken zugrunde und beschreibt einen Wechsel ‚von etwas in etwas’, etwa von einem Menschen in ein Tier bzw. umgekehrt, etc. – Man denke etwa an die ‚Metamorphosen’ des Ovid. 

2. Veränderung: Diese Kategorie liegt dem sog. ‚rationalen Denken’ zu Grunde, und beschreibt einen Wechsel ‚von etwas zu etwas’. Das Ausmaß der Möglichkeiten wird darauf eingeschränkt, was beobachtbar ist. Prototyp dafür sind die vier aristotelischen Veränderungen: Ortsbewegung, Zu- und Abnahme, Entstehen und Vergehen, Wechsel der Qualität. 

3. Wandel: Diese Kategorie ist Voraussetzung für eine ‚evolutionäre’ Betrachtung der Welt. Die Kategorie Wandel beschreibt den Wechsel ‚aus etwas zu etwas’. 

Doch damit nicht genug, denn: Will man sich über ‚Evolution’ informieren und tut das beispielsweise mit Hilfe der Wikipedia, ist zu erfahren, dass die sog. ‚Synthetische Theorie’ als Weiterführung der Darwinschen Evolutionstheorie heute Standard ist. 

Reichweite und Grenzen dieser Theorie in Betracht genommen, zeigt sich, dass sie unvollständig ist und zur ‚Systemtheorie der Evolution’ ergänzt werden muss. 

(1) E.M. Bonet: Die Ordnung des Lebendigen: Systemtheorie der Evolution. In: Karl Edlinger/Walter Feigl/Günther Fleck (Hrsg): Systemtheoretische Perspektiven. Bd. 1 der Schriftenreihe des Wiener Arbeitskreises für Systemische Theorie des Organismus: Organismus und System. Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2000, S. 10-44. 


Vortrag 26.2.2009: "Die Spaltung des Weltbildes" 

Die Lösung globaler Probleme verlangt nach einer globalen Betrachtungsweise. Um handeln zu können, ist es einerseits erforderlich, die Ursachen der jeweiligen Problematik zu diagnostizieren. Das geschieht zumeist auf Basis von statistischen Daten, die extrapoliert werden. Die Beurteilung – was wünschenswert ist und was nicht, d.h. in welcher Hinsicht .. gehandelt werden soll – erfolgt nach der jeweiligen Interessenslage. Diese wird durch den jeweiligen theoretischen ‚Überbau’ vorgegeben und gestützt; was dazu führt, dass ein und dasselbe Phänomen unterschiedlich beurteilt wird. So gilt beispielsweise dem neoliberalen Wirtschaftssystem ‚Wachstum’ als Notwendigkeit, aus ökologischer Sicht aber ist ‚grenzenloses’ Wachstum unmöglich und ein solches System auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt. 

Für ein tiefgreifendes und umfassendes Verständnis, und damit als Basis für ein auf lange Sicht effizientes Handeln bedarf es der Kenntnis der Gründe. Gründe aber finden sich ausschließlich in der Beschreibung des Entstehens von Phänomenen und Phänomenbereichen. Daraus wird das Bestehen, d.h. deren Zusammenhang und Funktion erschlossen. 

Auch hier gibt es unterschiedliche Zugänge: Kreationismus, ‚Intelligent Design’ – oder die Evolutionstheorie; was jeweils zu anderen Auffassungen führt. Immer aber ist der ‚Überbau’ handlungsleitend. Die Entscheidung darüber, welchen Zugang man für plausibel hält, unterliegt keinen objektiven Kriterien, sondern liegt in der persönlichen Geschichte. 

Hat man sich für einen evolutionären Zugang entschieden, ist diese Entscheidung zunächst kursorisch und bedarf einer weiteren Bearbeitung. Denn die Evolutionstheorie war zunächst eine Theorie, die sich mit der ‚Abstammung der Arten’ beschäftigte, also mit dem ‚Lebenden’. Dieser Ansatz erwies sich als so erfolgversprechend, dass seither alle jene Phänomene und Phänomenbereiche mit einbezogen wurden, aus denen zusammengesetzt sich eine naturwissenschaftliche Betrachtungsweise die Welt denkt. Heute spricht man auch von ‚physikalischer’, und ‚chemischer’ Evolution; was es ermöglicht, eine Geschichte des Universums vom ‚Urknall’ an zu schreiben – auf Grund derselben Prinzipien. 

Diese umfassende Theorie, stellt Rupert Riedl in seinem Buch ‚Die Spaltung des Weltbildes’ vor. Diese setzt sich aus zwei ‚Achsen’ zusammen: zum einen horizontal – als Auflistung von Inhalten und Reichweiten der Problematiken, zum anderen vertikal – den Zusammenhang der Phänomene in sich. Das ist Thema dieser Sektion. 


Teil II. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie – das Bild des Menschen. 

Vortrag 12.3.2009: Das Skandalon – warum die Rezeption so problematisch ist. 

Konrad Lorenz und das Kantische Apriori. 

Sowohl Rezeption als auch Kontroverse bezüglich einer ‚evolutionären’ Theorie der ‚Erkenntnis’ nehmen ihren Ausgang von einer Arbeit von Konrad Lorenz aus dem Jahre 1941 mit dem Titel: ‚Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie’ (1) . Darin spricht Lorenz „von der in gewissem Sinne ‚aposteriorischen’ Entstehung des ‚Apriorischen’. 

Für die Einen war das ein Tor, das sich öffnete und einen neuen Zugang zu Mensch, Tier und Umwelt eröffnete, für die Anderen aber Anlass für Ablehnung und Häme. Anzumerken ist, dass auf beiden ‚Seiten’ Irrtümer vorliegen, sowohl Ansprüche als auch Kritik überzogen sind. Eine Konfrontation ‚Transzendentale’ versus ‚evolutionäre Erkenntnistheorie’ (2) reicht nicht aus, der Bogen muss weiter gespannt werden. 

Das beginnt mit dem Begriff ‚Erkenntnis’, der unscharf ist und (daher) oft synonym mit dem Begriff ‚Wissen’ gebraucht wird. Darüber hinaus gibt es in der Tradition unterschiedliche Zugänge, sei es bei Plato, bei Kant oder bei Hegel. Übereinstimmung herrscht dahingehend, dass es jeweils um die Bestimmung der Beziehung von ‚Subjekt’ und ‚Objekt’ geht. Daran ändert sich nichts. Allerdings wird diese Beziehung in einer ‚evolutionären’ Theorie nicht als Problem gesehen, sondern kann aufgeschlüsselt werden. 

Das Skandalon besteht darin, dass die ‚evolutionäre’ Theorie von Bereichen ihren Ausgang nimmt, die in diesem Kontext noch nie als ‚wahrheitsfähig’ angesehen wurden: Wahrnehmung und Verhalten. Worauf es ankommt, sind aber nicht die Inhalte, die generiert werden, sondern die Struktur der Wahrnehmungsorgane; zu denen auch morphologische Strukturen zählen. Diese werden als in Übereinstimmung mit der jeweiligen Umwelt entstanden gedacht. Über ‚Wahrheit’ kann hier tatsächlich nicht (mehr) gesprochen werden. Worum es geht, ist ‚Wahrscheinlichkeit’; was unserer ‚Welt’, soweit wir sie kennen, auch wesentlich besser entspricht. 

(1) Lorenz, Konrad: Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie. In: Konrad Lorenz, Franz M Wuketits (Hrsg.): Die Evolution des Denkens. R. Piper & Co. Verlag, München 1983, S. 95-125. 
(2) Lütterfelds, Wilhelm (Hrsg.): Transzendentale oder evolutionäre Erkenntnistheorie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1987 


Vortrag 26.3.2009: Der Regelkreis als Real-Norm. Ein Modell. 

Ausgangspunkt für die Gründung des Club of Vienna waren die Untersuchungen des Club of Rome, nachzulesen u.a. in den Büchern ‚Das globale Gleichgewicht’ (1) , ‚Die Grenzen des Wachstums’ (2) oder ‚Der teuflische Regelkreis’ (3). Untersucht und eruiert wurden die Ursachen insbesondere der Wachstumsproblematik, sei es der Bevölkerung, des Rohstoffeinsatzes, der Umweltverschmutzung etc.. Das Ergebnis sollte ein ‚globales System-Modell’ sein. 

Anstoß hierzu gaben Untersuchungen in Wirtschaftsunternehmen, die in Schwierigkeiten waren. Die Diagnose ergab, dass die mit der Problematik befassten Mitarbeiter durchaus in der Lage waren, die Situation korrekt zu erfassen, und auch die relevanten Maßnahmen kannten, um diese zu verbessern. In einem Computermodell erfasst, stellte sich aber heraus, dass die wohlbekannten Maßnahmen zur Behebung der Krise Teile des Systems sind, dass diese Schwierigkeiten selbst produziert werden, und jede Bemühung um Behebung weitere Bemühungen erfordert – die Situation sich nicht verbessert, sondern verschlechtert. 

Als ‚Ursache’ dafür werden die ‚Grenzen des menschlichen Geistes’ diagnostiziert; die durch den Einsatz von Computermodellen hinausgeschoben werden sollen. Jedes Computermodell aber, so die Einsicht, ist nur so gut wie die ihm zu Grunde liegende Theorie. Und da die eingesetzten – statistisch erhobenen – Größen jeweils nur ‚Momentaufnahmen’ sind, bleibt die Gesamtdynamik trotzdem weitgehend undurchschaubar. Was einem solchen ‚dynamischen’ Modell fehlt, ist die Einsicht in seine stabilisierenden Prinzipien, die Struktur der in Frage stehenden Systeme und deren Gesetzmäßigkeiten. 

Daher tauchen immer wieder und allerorten zwei Begriffe auf, deren Konsequenzen anscheinend schicksalhaft (hinzunehmen) sind: 
‚Eigendynamik’ und ‚Systemzwang’. 
Dass dem nicht so ist, sondern für soziale, vom Menschen geschaffene Systeme sich sowohl das Zustandekommen als auch Wirken dieser Größen, und damit die Möglichkeiten der Beeinflussung aufschlüsseln lässt, soll in dieser Sektion gezeigt werden. Als Grundlage dient die Einsicht, dass die Produktion bzw. Kreation neuer Systeme, und damit Systemeigenschaften – die letztlich zu einem ‚Weltsystem’ geführt haben - insofern einem evolutionären Prinzip folgt, als da wie dort Regelkreise ‚aufgebrochen’, ‚geöffnet’ wurden. Der Unterschied besteht darin, dass in der Evolution sich neue Systeme der ‚Umwelt’ stellen mussten – was letztlich zu dem führt, was man ‚Anpassung’ nennt -, während soziale Systeme darauf aus sind, genau das zu verhindern. Das soll an Beispielen modellhaft dargestellt werden. 

Kennt man diese System-Zusammenhänge, müssen die Dynamiken nicht schicksalhaft hingenommen werden, sondern es eröffnen sich Handlungsspielräume – die zu nutzen sind. 

(1) Meadows, Dennis L., Meadows, Donella H.: Das globale Gleichgewicht. Modellstudien zur Wachstumskrise. Deutsche Verlags-Anstalt, 1982. 
(2) Meadows, Dennis L., Meadows, Donella H., Zahn, Erich: Die Grenzen des Wachstums. Club of Rome. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Rowohlt TB-V., Rnb., 1983. 
(3) Forrester, Jay W.: Der teuflische Regelkreis. Das Globalmodell der Menschheitskrise. Deutsche Verlags-Anstalt, 1982.